Jim Boyd: Don´t try to tell me...

© Indie 2001, zuetzt überarb. 09/02

 

Biographie

Jim Boyd ist ein Indianer von der pazifischen Westküste, er gehört der Lakes Band, einer von 12 Abteilungen des Stammes der Colville an. Die Colville sind wiederum eine Untergruppe der Spokane und leben offiziell im gleichnamigen Reservat im Staate Washington an der pazifischen Westküste. Das ist der Ort, an dem Chief Joseph von den Nez Percés (stammesfremd) begraben wurde... 1904. Etwas mehr als 50 Jahre später wurde Jim Boyd als eines von sechs Kindern auf der Reservation geboren. Sein Vater war bei der Air Force und mußte deshalb anscheinend immer wieder den Standort wechseln und das Reservat verlassen. Die Familie zog jedes Mal mit. - Boyds Großvater ist übrigens ein Zürcher gewesen, der im Jahre 1914 (18jährig) nach Amerika auswanderte und eine Colville-Indianerin heiratete.

Boyd hat schon früh mit der Musik angefangen und eine Menge Instrumente gelernt: Trompete, Schlagzeug, Gitarre, Baß, Flöte und Keyboards. Im Laufe der Zeit hat er wohl in etlichen Bands gespielt, vielen Cover-Bands, aber auch bei der legendären indianischen Rockband XIT von Tom Bee, die er 1981 auf ihrer Europa-Tournee begleitete. Seinen Alleingang als Sänger, Liedermacher und Gitarrist begann er im Alter von 33 Jahren mit der CD Reservation Bound. Im selben Jahr, 1989, heiratete er auch seine Frau Shelly, mit der er bis heute vier Söhne hat.

Wer kein Rockfan von alters her ist und nicht schon in den 70er, 80er Jahren auf solche Indianer-Bands wie XIT stand, der hatte in den späten 90ern wieder Gelegenheit, auf den Namen Jim Boyd zu stoßen, als nämlich der Film Smoke Signals des Spokane/Cœur-d´Alène-Schriftstellers und -Filmemachers Sherman Alexie in die Kinos kam (1998). Der Film erreichte sogar hierzulande Bekanntheit, man erinnert sich: ein humorvoller, an Pow-Wow Highway erinnernder Road-Movie und (wie am Ende deutlich wird) Botschaftsträger, in dem zwei durch ein tragisches Schicksalsereignis miteinander verbundene ungleiche Freunde die sterblichen Überreste des Vaters von einem der beiden aus der Fremde nach Hause holen. Im Gespräch war der Film in erster Linie wegen seiner ausschließlich indianischen Besetzung und Produktion (weitere Bereiche mögen herausragend gewesen sein, wir sind keine Fachleute). Des weiteren erhielt die Filmmusik bei den 2. Native American Music Awards in den Vereinigten Staaten im Jahre 1999 den Preis für das beste indianische Sammelalbum. Vier der Filmmusiktitel sind von Jim Boyd.

 

Musik

Die drei Stücke Reservation Blues, A Million Miles Away und Father and Farther waren es, die uns neugierig darauf machten, wer um alles in der Welt dieser Jim Boyd war. Damals lag wirklich der ganze Ozean dazwischen: diesseits, wo wir suchten, war überhaupt nichts zu machen. Dabei klingt dieser Name, als hätte man ihn schon gehört und nur vergessen, wer das war? Manchmal vermuteten wir gar einen Weißen, vielleicht weil theoretisch die Möglichkeit bestand (der Soundtrack ist nicht ausschließlich indianisch-stämmig), und vielleicht weil es einfach hundertmal mehr Weiße als Indianer in den USA. gibt, keine Ahnung. Auch ein Reservation Blues ist immerhin keine Garantie, daß der Interpret ein Indianer ist.

Wie immer, diese angerauht vibrierende und eher hohe Stimme zog uns wirklich in den Bann, gefühlvoll war das, aber kein bißchen sentimental; ein Grundton von Melancholie, menschlich bis traurig die Geschichten... Selbst A Million Miles Away, eigentlich eine Liebeserklärung, vermittelt einen Hauch von Einsamkeit... vielleicht dieselbe, in der man sich wiederfindet, wenn der Aktionismus aufhört. (Das mag ein westliches Problem und ein Grund sein, warum nahezu alle Indianer und überhaupt Menschen aus anderen Kulturen, denen wir begegnet sind, uns beeindruckt haben.) Aber obwohl Jim Boyd die emotionale Saite spielt, die Widersprüchlichkeit der menschlichen Beziehung anklingen läßt, hat man doch den Eindruck, daß das Ganze aus einer stillen, fast nüchternen Klarheit kommt, ein vielleicht nicht spektakulärer, aber steter Wille dahintersteckt. Man wird jedenfalls kein Zaudern finden, nichts Diffuses, Geliehenes - was Jim Boyd singt, das ist Jim Boyd und braucht keine Fußnoten.

Anders als die besungenen menschlichen Erlebnisse, wie die "nackte Realität", die wir dann als traurig oder widersprüchlich empfinden, wirkt die Musik sehr harmonisch, geradezu bedacht ästhetisch. Das mag am Keyboard liegen. Uns persönlich gefallen die Stücke mit den Blues-, Folk- und indianischen Anklängen am besten. Irgendetwas an Boyds Musik läßt einen an die Gezeiten denken, an den Lauf der Dinge, den man nicht ändern kann, die (Macht der ?) Ohnmacht, vielleicht hängt das mit der Haltung des Musikers zusammen. Um ein Empfinden davon zu bekommen, brauchte es aber die CDs, die wir später fanden. Damals hatten wir nur diesen Blues in den Ohren... und dauerte es wie gesagt eine Weile, bis wir dahinterkamen, wer Jim Boyd war. In der Indianermusikszene in den Staaten war der Name natürlich ein Begriff. Zum Glück ist es in der Zwischenzeit so, daß das Internet auf magische Art und Weise den Ozean schrumpft...

Zusammen mit Sherman Alexie ist Jim Boyd auch auf der Benefiz-CD Honor The Earth vertreten (zum ersten Mal haben wir Sherman Alexie hier gehört als auch ein Foto gesehen), das ist eine Kampagne zum Zusammenschluß indigener Umweltschutzarbeit, die Mitte der 90er Jahre ins Leben gerufen wurde. Neben der Zusammenarbeit im multimedialen Bereich ist die Verbindung der beiden Künstler auch eine freundschaftliche.

Jim Boyd hat eine beständige eigene Musikproduktionsfirma namens Thunderwolf Records und seit (mindestens) 1999 auch eine feste Band namens Rez Bound. Er ist häufig unterwegs zu Auftritten auf Konzerten, Festivals, an Schulen, in Radios etc. Von drei Nominierungen für die Nammys im Jahre 2002 schaffte sein Album AlterNatives den Sprung zum Album des Jahres.

 

Ansichten

Die CDs, die Boyd im Laufe seiner Solokarriere hervorgebracht hat, sind uns heute gut bekannt. Für einen Weißen würden wie ihn nie und nimmer mehr halten. Mindestens in der Hälfte seiner Lieder schreibt und singt er eigentlich über das Leben eines Indianers, besser gesagt: eines Amerikaners, der Indianer ist (oder umgekehrt). Er ist - und betont es - beides. Was uns wieder darauf bringt, daß die Welt eine Realität ist, der man mit keiner noch so einleuchtenden Vorstellung von ihr beikommt (die geliebten Ideen und Meinungen - und gerade zum Thema Indianer). Hier eine Illustration dessen, was wir meinen:

Kurz nach den Massenmordanschlägen vom 11. September 2001 schrieb Jim Boyd das Lied One Day In America (ein weiteres folgte: September Morning)... und kondolierte diesem Amerika in seinem offiziellen Newsletter. Das erstaunte uns allerdings -- 3.000 Tote sind eine Menge, obwohl Leid nicht zählbar ist, aber Amerika, das, wie eigentlich nicht nur seine Opfer wissen, Millionen und Abermillionen auf dem Gewissen hat? Das allem voran mit der Ausradierung der Indianer begann, bevor es überhaupt noch getauft war? Und Amerika, das auf den großen Seiten der Geschichte als Antwort auf seinen ersten Völkermord kaum mehr als einen Schnupfen namens Custer´s Last Stand verbucht... auch wenn es diesen gerne als ungeheuer schwere Verletzung ansieht? Amerika, unnachahmlich ignorant in seinem Größenwahn, vom Bösen aus Bosheit angegriffen? Aus dem Lied Red Blues von Reservation Bound:

They can´t understand
The life of the Red Man
And why we just keep on fighting

Selbst wenn man die Islam-Version glaubt, was den Autoren dieser Site nach einem gewissen Pensum von Informationen nicht mehr recht gelingen will - was den Standpunkt der Anderen betrifft, so existiert er immerhin, und wie menschenrechtswidrig er auch sein mag, man wird ihm niemals beikommen, ohne seinen Ursprung zu verstehen. Schon von daher irritierten uns Boyds - in unseren Augen - stromlinienförmige Töne.

Politisch gesehen aber war die Angelegenheit geradezu paradox. Wir meinen nicht den Ausdruck von Mitgefühl, nein, wir meinen den Nichtausdruck jeglicher Hintergründe und Fragen. Wir waren erstaunt, daß jemand, der ein Lied sowohl von den Narben der westlichen Unmoral als auch davon singen kann, daß Schwarz-Weiß im menschlichen Denken, aber selten im Leben vorkommt, ausgerechnet in die offizielle Weise einstimmt, wenn diese nur noch aus einem einzigen Ton besteht, welcher kaum ein Luftholen mehr erlaubt. Mag sein, daß wir einem Klischee aufsitzen, wenn wir uns allzusehr wundern. Und ob es die Sache erklärt oder erschwert, daß Jim Boyds national-solidarische Haltung in der indianischen Musikwelt nicht einmal außergewöhnlich ist, lassen wir dahingestellt.

Damit die Angelegenheit nicht zur Einbahnstraße mutiert, möchten wir Jim Boyd das letzte Wort lassen. Aus einem Lied, das wir sehr mögen, My Heart Drops, But I´m Proud:

I can´t forget how they killed John Kennedy
I can´t forget (forgive?) what they did at Wounded Knee
And I´ve lived in two worlds both wanting to be free
So don´t try to tell me what my country means to me

 

Indian Man

Wir wollen noch etwas erwähnen, es soll hier nicht weniger ironisch zugehen als im Leben. Jim Boyd hat uns nämlich eine kleine Erholung im persönlichen Ringen um begriffspolitische correctness verschafft... zu einem Zeitpunkt, als die Sache anfing, uns auf die Nerven zu gehen. Indianer, Natives, Indigene, Ureinwohner, First Nations... Navaho oder Diné... es war einfach kein Begriff aufzutreiben, der nicht aus irgendeinem Grunde an-und-für-sich unsinnig oder beunruhigend war -- eingedenk der Tatsache, daß Worte die Funktion haben, Verstehen und Verständigung auszulösen (weshalb die 'Schildkröteninsel', obwohl kraftvoll und unbefleckt, leider recht schnell ausschied). Wir gelangten zwar in interessante Dimensionen philosophischer Betrachtung, aber zu keiner Antwort auf die Frage der richtigen Bezeichnung.

Da sang Jim Boyd:

I´m an Indian Man
I´m an Indian Man,
und das verschaffte uns wirklich Erleichterung. INDIANER... na Gottseidank. Wir hatten zwar gefunden, daß die Wurzel des Wortes, den bekannten Kolumbus-Irrtum über Indien mal beiseite und tiefer gegraben, vermutlich die gleiche war die des Wortes 'Indios', das für die Südamerikaner (--Entschuldigung) benutzt wird - nämlich in dío -, aber wer will schon im Recht sein, wenn er dafür von Welchen-In-Gott gesteinigt wird?

Die Wüste ist mittlerweile durchquert: Wir sagen wieder Indianer. Unbenommen anderer Fragen, Jim Boyd war ein herrlicher Schluck Wasser in der wüsten Gehirnverknotung. So ist das Leben.

 

Aussichten

Jim Boyds Lieder haben sich im Laufe der 90er Jahre vom Ton her - das ist tendenziell zu verstehen - von Wehmut, Erinnerung und Fragen mehr in Richtung Abgrenzung, Stolz und Feststellungen entwickelt, zumindest was wir in jener Hälfte der Lieder heraushören, die seine indianische Identität zum Thema machen.

Seiner Musik zuzuhören ist in diesem Sinne eine identitätsfördernde Maßnahme, so wie alles, was echt ist, einen berührt. Die Wichtigkeit von Identitätsfindung wird vermutlich ziemlich unterschätzt. Zwar macht einen in gewissem Sinne jedes Finden, jeder 'Erfolg' machtloser: schließlich ist Identität nichts anderes als Geschichte (--das Geburtsdatum muß einen nicht davon abhalten, weiter zurück zu gehen) und Geschehenes kann man bekanntlich nicht mehr ändern, ob einem das gefällt oder nicht (wir vergessen ja eben, was uns nicht gefällt)... aber ohne Identität kann keine Bedeutung entstehen, ohne Bedeutung gibt es Krise und Stagnation. Das kennt im Grunde jeder.

Von seinem neueren Album AlterNatives hieß es auf der offiziellen Website von Thunderwolf, es sei mehr Mainstream-orientiert als seine bisherigen Veröffentlichungen. Wir haben uns mit der CD - die übrigens den Nammy für das Album des Jahres 2002 gewann - noch nicht eingehend genug befaßt, um dazu etwas zu sagen. Wir wünschen Jim Boyd sehr wohl, daß mehr und mehr Leute ihn kennen, schon wegen seiner sympathischen, bescheidenen, sicheren Ausstrahlung und um eine Menge schöner Lieder willen, aber sollte er - bewußt oder unbewußt - das Profil, das die früheren Veröffentlichungen gezeichnet haben, dem allgemeinen Breitpublikumsgeschmack oder der Industrie zuliebe schleifen, so wäre das doch unglücklich.

Wir werden darauf zurückkommen: vermutlich ist das Leben wieder ein bißchen anders als die Vorstellung davon.

 

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