Blackfire ist eine Diné-Punkrock-Band aus dem Norden Arizonas (Diné ist der Eigenname der Navaho) und besteht aus drei Geschwistern: Bassistin Jeneda (*24.6.1974), Gitarrist und Sänger Klee (*6.10.1975) und Schlagzeuger Clayson (*28.8.1977). Zusammen mit dem Vater treten die drei als traditionelle Gesangs- und Tanztruppe unter dem Namen Jones Benally Family schon seit etlichen Jahren auf, auch außerhalb der USA. Die Punk-Abteilung Blackfire entstand jedoch erst Mitte der Neunziger-Jahre. Blackfire veröffentlichen auf einem eigenen Label namens Tacoho, touren seit Ende der Neunziger, immer von den Eltern begleitet, jedes Jahr durch Europa und lassen dabei zur Umrahmung des Punkrock-Programms auch traditionelle Gesänge hören. Die traditionellen Tanzshows sind jedoch immer als solche gekennzeichnet und finden während der Tourneen unabhängig von Blackfire-Auftritten statt, je nach Möglichkeit.
Botschaft, Texte und Musik richten sich deutlich und mit intensiver Energie
(die Stärke der Jugend plus die Kraft der Zugehörigkeit) gegen Unterdrückung
und Diskriminierung, und zwar nicht nur die eigene, sondern jegliche Form davon.
Das ist eine der Stärken von Blackfire: die schockierenden Tatsachen über
ein weiteres indianisches Volk auf der Schlachtbank müssen verdaut werden
- von dem, der sich traut, das heranzulassen -, aber zugleich mit der bitteren
Anklage und der bodenständigen Wut kommt die Botschaft, daß es nicht mehr
um die alten Schubladen von Rot und Weiß, westlich oder indianisch (oder
aktuell: christlich und islamisch) geht, sondern - quer betrachtet! - um menschliche
Rechte, um Freiheit, um Leben. Von daher sind der Aufruf zum Widerstand und
die Aufforderung, sich zusammenzutun, auch im Westen völlig richtig am
Platz und werden erkannt - ob politisch wie in der Antiglobalisierungsbewegung
oder intuitiv-emotional durch eine Musik, wie Blackfire sie liefern.
Neben der Wut ist der Schmerz am deutlichsten. Klees Ausdruckskraft ist enorm.
Der tiefe Schmerz allerdings, den es bedeutet, als Angehöriger dem Ethnozid
der eigenen Leute und der Zerstörung des Landes zuzusehen, die lange Zeit
miteinander intakt waren, der ist für uns sicherlich nur bedingt nachvollzuziehen,
denn zivilisiert bedeutet, daß der Verlust von Freiheit, Leben, Identität
vor viel längerer Zeit stattgefunden hat. Das Trauma ist zwar dasselbe,
und es kann nicht wirklich vergessen werden. Aber wir (hier) leben mittlerweile
im konsumbetäubten Dornröschenschlaf und müssen viel tiefer graben.
Traumatische Erinnerungen vollziehen sich nur in Einzelnen, wie das beispielsweise
die feministische Therapie gezeigt hat, aber die Gesellschaft interessiert sich
nicht besonders dafür. Wo der Seelenhorror des Zweiten Weltkriegs eigentlich
geblieben ist, wissen wir nicht. Es scheint, die Betroffenen nehmen ihn nach
und nach mit - ins individuelle Grab. (Oder haben wir etwas nicht mitbekommen.)
Blackfire-Texte sind nicht immer politisch direkt. Mitunter werden sie persönlich
und drehen sich um Schwächen. Dann kommt der ganze Zweifel, der Trotz,
das Aufgeben oder der Fall in die Depression (obwohl die Musik dagegen spricht
und immer nach vorn treibt). Und so manches wird in Frage gestellt oder relativ
gesehen... Das ist ein weiterer Zug der Band: man nennt es menschlich.
Keine Rollen, kein Schauspiel, keine Absicht, wie die Band gesehen werden will.
So findet man bei Blackfire auch keine Polarisierung in Gut und Böse, obwohl
solches Denken ja beliebt ist und leider auch noch als Tugend gilt. (In Wahrheit
ist es natürlich der Fels vorm Himmelstor.) Wir wissen nicht wirklich,
was dahinter steckt, es scheint durchaus ein kultureller Unterschied zu sein,
aber angesichts des Themas und ebenso des Alters der Band-Mitglieder finden
wir diese Haltung dennoch ziemlich erstaunlich.
Native American Punk: seit Blackfire unsere heiligste
Kategorie auf dem CD-Regal. Seltsamerweise haben wir noch von niemandem sonst
gehört, der solche Musik macht. Dabei halten wir es für die passendste
indianische Musik überhaupt! Es ist auch unsere meistbenutzte. Wenn
wir geladen nach Hause kommen, dann gibt´s eigentlich nur eins, und zwar
möglichst laut: Blackfire. Heiltanz für kranke, wütende Seele...
Stilistisch hat der Blackfire-Punk(-Rock) Verbindungen zum Traditionellen und zum Ska und Dark Wave. Die Lieder variieren von wirklich schnellen Punk-Stücken, bei denen man die Texte, selbst wenn man sie auswendig kennt, kaum mitsingen kann - eine Leistung von Klee! er läßt sich auch (live) nicht so leicht aus dem Tritt bringen! -, über melodiösere, hymnenverdächtige Stücke bis hin zu Unikaten von Dark Wave oder rein traditionellem Gesang. Die Stücke an sich weisen normalerweise Breaks auf, sowohl was Tempo als auch Klang/Melodie betrifft. Einprägsame, refrainhafte Sequenzen, Geschwindigkeitsdurchbrüche, Sprechgesang, Exclamations, traditionelle Gesangseinlagen, Flöte, Keyboard, zweite Stimme machen die Lieder abwechslungsreich. Jones Benallys begrenzt, aber wirkungsvoll eingesetzter traditioneller Gesang ist sicher ein Markenzeichen von Blackfire geworden.
Untrennbar mit der Musik der Band verknüpft ist der lange Kampf der Diné
um ihre Land- und Menschenrechte im Südwesten. Wegen der reichen Kohle-,
Öl- und Uranvorkommen geraten die Volksgruppen der größten Indianerreservation
der USA seit Jahren immer mehr unter Druck. Der künstlich geschaffene Landrechtsstreit
zwischen den innerhalb der Navaho-Nation insel-artig lebenden Hopi und den Navaho
- jahrhundertelang eine funktionierende Koexistenz, die nicht zufällig
aus den Fugen gerät - ist in der europäischen Unterstützerszene
und den UN seit langem unter dem Stichwort Big Mountain (Black Mesa) bekannt.
Seit der Schaffung einer willkürlichen Demarkationslinie Ende der Siebziger-Jahre
sind mindestens 14-15.000 Navaho der Vertreibung/Entsiedelung zum Opfer gefallen.
Die Folgen solcher a priori widerrechtlichen Vorgänge sind immer
die gleichen: psyschische und kulturelle Entwurzelung der Menschen, Depression,
Alkoholismus, Selbstmord - und so fort. Nur noch ein kleiner Teil, darunter
viele sehr alte Leute, harrte zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Textes aus.
Die gravierende Umweltzerstörung und -verseuchung durch die Ausbeutung
der Bodenschätze, tägliche Verletzungen der Land- und Menschenrechte
und des Rechts auf freie Religionsausübung und die Attacke auf die Identität
des Volkes ingesamt, insbesondere die Köpfe der Jugend gehen weiter. Vermutlich
sind Blackfire allein schon für das Selbstbewußtsein der indigenen
Jugend in den USA eine höchst wichtige Sache. (Es ist hier und überall
ein Phänomen, wie wurzel- und wertelos die Jugend aufwächst, aber
da muß wohl jedes Volk selber ran!)
Wer mehr über die Hintergründe von Blackfire wissen möchte, sollte
die Links besuchen, die auf unserer Blackfire-Seite ganz unten angegeben sind.
Live abgesichert der Eindruck, daß die Benallys ohne jegliche äußere
Elemente von Show oder Selbstdarstellung auskommen. Die offiziellen Fotos führen
da etwas in die Irre, denn Blackfire sind weder tough noch cool noch hart, und
es ist eben genau das, was die Band so beeindruckend und echt macht. Bescheiden,
schlaksig, nahezu unscheinbar und sehr höflich neben der Bühne...
präsent, geradlinig und intensiv (ob schnell oder gemäßigt)
auf der Bühne! Jones Benally übrigens immer gleich beeindruckend...
ob auf der Bühne oder davor macht bei ihm keinerlei sichtbaren Unterschied:
extrem gleichmütig, von hoher Würde und in einem respektablen Alter
(offiziell hat er keins, aber es scheint zumindest jenseits der Achtzig zu liegen).
Bemerkenswert des weiteren noch, daß dem Ausdruck von Blackfire, obwohl
er wütend, schmerzvoll und direkt ist, wirklich jeder Geschmack von Haß,
Zerstörungswille oder blinder Wut fehlt. Erstaunlich angesichts
der himmelschreienden Hintergründe und der zeitweiligen Härte der
Musik... jedenfalls für jemanden, der die weiße Welt der Angst und
Enge gewohnt ist. Vermutlich können nur Leute, die aus einer menschlicheren
Kultur als der unseren kommen, sagen:
Wenn ich könnte, würde ich euch ebenfalls hassen
Macht mir keinen Vorwurf draus.
Als letztes Zeichen dafür, daß Blackfire meinen, was sie tun (und
als Beweis dafür, daß sie wirklich gut sind), gab es auf ihrem letzten
Konzert der Europa-Sommer-2001-Tournee sogar noch etwas, ohne das sie
auskamen: Strom, Equipment und Lautstärke. Ein improvisiertes Unplugged-Konzert
in einem Hinterzimmer ("Luxemburger Polizei verjagt ihre Jugend - organisiertes
Open-Air abgebrochen") bescherte dem übriggebliebenen Publikum das
absolute Fünf-Sterne-Erlebnis, die Blackfire-Stücke in der Akustik-Version
zu hören. Klees klangvolle, dunkle Stimme und sein überzeugender Ausdruck
(in sich ruhend - aber schweißtreibend emotional), Jenedas rückhaltgebende,
klare Präsenz und Claysons einfache, aber unerschütterliche Ich-mach-den-Beat-Haltung
ließen die Stücke klingen, als wären sie ursprünglich für
den akustischen Punk erfunden worden. Sehr bedauerlich, daß dieses
Erlebnis als Ausnahme verbucht werden muß!
Wie unerhört traurig der Anlaß der Musik und die Nachrichten von Blackfire
sind (im Grunde könnte man vor der Bühne auch weinen anstatt zu tanzen),
die Wut der Band ist ein bewegendes Zeichen von Schönheit
und Kraft... und der Hoffnung, die im Brückenbauen liegt. Das herrschende
Wutverbot unserer Kultur - mit den entsprechend destruktiven Entladungen, von
denen es ja nur so wimmelt - macht die Navaho-Punker in diesem Punkt zu einem
echten Vorbild auch für den Westen.
Alle Kraft der Welt den Navaho.